Online-Seminar: Das notarielle Nachlassverzeichnis – Sonderfragen der Ermittlungspraxis
Das notarielle Nachlassverzeichnis nach § 2314 Abs. 1 Satz 3 BGB ist der anerkannte „Goldstandard" des Pflichtteilsrechts. Die Grundlagen des Verfahrens – Ermittlungspflicht, Amtshaftung, Verfahrensablauf – sind mittlerweile durch eine gefestigte Rechtsprechung konturiert. In der Beurkundungspraxis entscheidet sich die Qualität und Haftungssicherheit eines Nachlassverzeichnisses jedoch regelmäßig an den Sonderfragen, die sich bei der Ermittlung pflichtteilsrelevanter Vermögensverschiebungen zwischen Eheleuten und im Gesellschaftsrecht stellen.
Gerade die typischen Konstellationen des ehelichen Vermögensaufbaus – gemeinschaftliche Konten, wechselseitige Lebensversicherungen, fremdfinanzierte Immobilien und Ehegatteninnengesellschaften – erfordern eine differenzierte Analyse, ob und in welchem Umfang eine pflichtteilsergänzungsrelevante Schenkung i.S.d. § 2325 BGB vorliegt. Hinzu treten die nicht minder komplexen gesellschaftsrechtlichen Fragestellungen: Wann begründet das Hinzutreten eines Gesellschafters oder eine restriktive Abfindungsklausel eine mittelbare Schenkung? Welche Ermittlungen schuldet der Notar in diesen Konstellationen – und wo endet seine Nachforschungspflicht?
Dieses Aufbauseminar vermittelt Ihnen die Systematik und das praktische Handwerkszeug für die haftungssichere Behandlung dieser Sonderfragen in der Verzeichnisaufnahme.
Sie erhalten eine strukturierte Entscheidungsmatrix für die praxisrelevanten Grenzfälle der Ermittlungspflicht: Für jede der behandelten Sonderkonstellationen wird herausgearbeitet, welche Nachforschungen ein objektiver Dritter in der Lage des Pflichtteilsberechtigten für erforderlich halten würde – und wo die Grenze zur unzulässigen Ausforschung verläuft. Die Kombination aus materiell-rechtlicher Einordnung und verfahrensrechtlicher Umsetzung versetzt Sie in die Lage, auch bei komplexen Vermögensverhältnissen ein vollständiges und zugleich haftungssicheres Nachlassverzeichnis zu errichten.
Das Seminarskript enthält die notwendigen Checklisten und Muster für die Behandlung sämtlicher dargestellter Sonderkonstellationen.
Inhalte:
I. Grundlagen und Maßstab (kompakte Wiederholung)
- Auskunftsanspruch nach § 2314 Abs. 1 Satz 3 BGB: Rechtscharakter und Reichweite
- Eigenständige Ermittlungspflicht des Notars: Maßstab des „objektiven Dritten"
- Hinzuziehungsrecht des Pflichtteilsberechtigten: Umfang, Gestaltung und praktische Handhabung im Termin
II. Grenzen der Ermittlungspflicht – Leitlinien für die Praxis
- Reichweite der Nachforschungspflicht bei fehlenden konkreten Anhaltspunkten
- Abgrenzung: Geschuldete Ermittlung vs. unzulässige Ausforschung
- Dokumentation der Ermittlungsgrenzen in der Urkunde als Haftungsvorsorge
- Umgang mit unkooperativen Erben und fehlenden Unterlagen
III. Pflichtteilsrelevante Vorgänge zwischen Eheleuten
- Gemeinschaftliche Konten: Oder-Konto, Und-Konto, Einzelkonto mit Vollmacht – Abgrenzung der Schenkung von der bloßen Kontoberechtigung; Ermittlungsanforderungen an den Notar
- Lebensversicherungen: Bezugsrecht als Schenkung (§ 2325 Abs. 1 BGB), widerrufliches vs. unwiderrufliches Bezugsrecht, Zeitpunkt der Ausführung, Bewertungsfragen
- Erwerb und Finanzierung von Immobilien: Alleineigentum trotz gemeinsamer Finanzierung, Miteigentumserwerb bei einseitiger Mittelherkunft – Schenkungstatbestand und Ermittlungspflicht
- Ehegatteninnengesellschaften: Abgrenzung zur unbenannten Zuwendung, Auswirkungen auf die Pflichtteilsergänzung, Darlegungs- und Ermittlungsanforderungen
- Eheverträge: Güterstandswechsel als (mittelbare) Schenkung? Modifizierte Zugewinngemeinschaft, Gütertrennung und deren pflichtteilsrechtliche Relevanz
IV. Pflichtteilsrelevante Vorgänge im Gesellschaftsrecht
- Hinzutreten von Gesellschaftern: Aufnahme unter Wert als gemischte Schenkung, Abgrenzung zum entgeltlichen Vorgang
- Abfindungsklauseln: Buchwert- und Abfindungsausschlussklauseln als mittelbare Schenkung zugunsten der verbleibenden Gesellschafter – Ermittlungspflicht des Notars
- Bewertungsfragen: Welche Angaben schuldet der Notar, welche nicht?
V. Mittelbare Schenkungen
- Dogmatische Grundlagen und Abgrenzung zur unmittelbaren Zuwendung
- Typische Fallgruppen: Grundstückserwerb für Dritte, Tilgung fremder Verbindlichkeiten, Zuwendung an Familienangehörige über Dritte
- Ermittlungspflicht bei Verdachtsmomenten und fehlender Offenlegung
Das Seminar ist als Aufbauveranstaltung konzipiert und setzt Grundkenntnisse des Verfahrens zur Erstellung eines notariellen Nachlassverzeichnisses voraus. Die Sonderfragen werden anhand von Fallbeispielen aus der Beurkundungspraxis systematisch aufbereitet und mit konkreten Formulierungsvorschlägen für die Urkundsgestaltung verbunden.
Zielgruppe:
Das Seminar richtet sich an Notarinnen und Notare, Notarassessorinnen und Notarassessoren, (Anwalts-)Notarinnen und (Anwalts-)Notare sowie angehende Anwaltsnotarinnen und Anwaltsnotare mit Vorkenntnissen in der Erstellung notarieller Nachlassverzeichnisse.
Die Fortbildung entspricht den Vorgaben des § 5b Abs. 1 Nr. 4 BNotO; die Anerkennung obliegt der jeweils zuständigen Notarkammer und ist im Zweifelsfall vorab mit dieser abzustimmen.
Datum: 12.10.2027
Zeiten: 10:00–12:30 Uhr
Preis: 129,- € zzgl. MwSt. inklusive Webinarskript und Zugriff auf die vollständige Videoaufzeichnung des Webinars (verfügbar für 3 Monate nach dem Webinar)
Ihr Referent
Ulf Schönenberg-Wessel (*1982) ist Rechtsanwalt und Notar sowie Fachanwalt für Erbrecht und Sozialrecht in Kiel. Als Senior-Partner der Kanzlei SIEWERT, SCHÖNENBERG-WESSEL und Partner liegt der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Vermögensnachfolgegestaltung sowie im Erb- und Pflichtteilsrecht.
Er ist Mitherausgeber der „ZErb – Zeitschrift für die Steuer- und Erbrechtspraxis", Mitglied des Herausgeberbeirats der Zeitschrift „notar" und Geschäftsführer der Norddeutschen Gesellschaft für Testamentsvollstreckung mbH.
Ausgewählte Veröffentlichungen:
- Schönenberg-Wessel, Das notarielle Nachlassverzeichnis, 2. Aufl. 2027 (C.H. Beck) –
- Schönenberg-Wessel/Szalai/Uhl/Hahner, Der Überlassungsvertrag, 2. Aufl. 2025 (Deutscher Notar Verlag)
- Schönenberg-Wessel, Behindertentestament 2.0 – Die stiftungsrechtliche Lösung, 1. Aufl. 2025 (Deutscher Notar Verlag
- J. von Staudingers Kommentar zum BGB: §§ 2371–2385 BGB (Erbschaftskauf)
- Rißmann (Hrsg.), Die Erbengemeinschaft, u.a. Sozialrecht, 4. Aufl. 2024 (Zerb-Verlag)
- Kurze, Vorsorgerecht, 2. Aufl. 2023: u.a. BeurkG, GmbHG (C.H. Beck)
- Uricher (Hrsg.), Erbrecht, 5. Aufl. 2022: u.a. Nachlassinsolvenz (Nomos)
Hinweis zur Seminarreihe
Dieses Aufbauseminar ergänzt das Grundlagenseminar „Das notarielle Nachlassverzeichnis – Grundlagen und haftungssichere Praxis" (07.04.2027). Die Teilnahme am Grundlagenseminar wird empfohlen, ist aber nicht zwingende Voraussetzung, sofern vergleichbare Vorkenntnisse vorhanden sind.