Online-Seminar: Update zur Testamentsgestaltung – Sonderfragen besonderer Lebenssituationen
Die notarielle Testamentsgestaltung wird dann besonders anspruchsvoll, wenn die persönlichen Verhältnisse der Erblasser oder ihrer Angehörigen von der „Standardkonstellation" der intakten Erstehe mit gemeinsamen Kindern abweichen. Besondere Lebenssituationen – geschiedene Erblasser mit minderjährigen Kindern, Patchworkfamilien, Angehörige mit Behinderung, bedürftige oder überschuldete Abkömmlinge – erfordern jeweils eigene, hochspezialisierte Gestaltungskonzepte, die weit über die klassische Erbeinsetzung hinausgehen.
Der beurkundende Notar ist hier in besonderem Maße gefordert: Er muss die Regelungsziele des Erblassers präzise ermitteln, die verfügbaren erbrechtlichen Gestaltungsinstrumente – Vor- und Nacherbfolge, Testamentsvollstreckung, auflösende Bedingungen, Vermächtnisgestaltungen – situationsgerecht kombinieren und dabei sowohl die sozialrechtlichen Zugriffsmöglichkeiten als auch die Pflichtteilsrisiken im Blick behalten. Ein Formulierungsfehler kann hier existenzielle Folgen haben: Greift der Sozialhilfeträger auf die Erbschaft eines behinderten Abkömmlings zu oder fällt das Erbe eines überschuldeten Kindes in die Insolvenzmasse, ist das Gestaltungsziel verfehlt – und die Amtshaftung des Notars steht im Raum.
Das Seminar entwickelt für fünf typische Sonderkonstellationen jeweils ein vollständiges Gestaltungskonzept mit konkreten Formulierungsvorschlägen, die unmittelbar in die Beurkundungspraxis übernommen werden können.
Sie erhalten für jede der fünf behandelten Sonderkonstellationen ein strukturiertes Gestaltungsmodell, das die erbrechtlichen, sozialrechtlichen und steuerlichen Anforderungen integriert. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen in Rechtsprechung und Literatur, die in sofort einsetzbare Formulierungsvorschläge überführt werden. Das Seminar versetzt Sie in die Lage, auch bei komplexen familiären Verhältnissen rechtssichere und zugleich interessengerechte letztwillige Verfügungen zu gestalten.
Inhalte:
I. Geschiedenentestament – Schutz der Kinder vor dem anderen Elternteil
- Ausgangslage und Regelungsziel: Ausschluss des geschiedenen Ehegatten von der Vermögenssorge über das ererbte Vermögen minderjähriger Kinder (§ 1638 BGB)
- Vor- und Nacherbfolge als zentrales Gestaltungsinstrument: Anordnung der Nacherbfolge auf den Tod des Kindes, Befreiungsumfang des Vorerben
- Nacherbenvollstreckung (§ 2222 BGB): Sicherung des Nachlassvermögens bis zur Volljährigkeit
- Entzug der Vermögensverwaltung (§ 1638 Abs. 1 BGB): Formulierung und Reichweite, Benennung eines Ergänzungspflegers
- Aktuelle Rechtsprechung und Formulierungsvorschläge
II. Patchworktestament – Ausgleich divergierender Interessen
- Ausgangslage: Gemeinsame Kinder und Kinder aus früheren Beziehungen – Interessenkollision zwischen Absicherung des Ehegatten und Gleichbehandlung aller Abkömmlinge
- Erbeinsetzung: Quotengestaltung, Vor- und Nacherbfolge als Alternative zur Einheitslösung
- Teilungsanordnungen: Zuweisung bestimmter Nachlassgegenstände an bestimmte Abkömmlinge – Formulierung und Ausgleichspflichten
- Vermächtnisse: Vorausvermächtnisse zugunsten einseitiger Kinder, Supervermächtnis zur flexiblen Beteiligung
- Regelungen zur Pflichtteilslast: Verteilung der Pflichtteilslast bei unterschiedlicher Pflichtteilsberechtigung der Kinder (§ 2318 BGB), testamentarische Modifikation
- Pflichtteilsklauseln in der Patchworksituation: Besonderheiten und Grenzen
III. Behindertentestament – Schutz vor sozialrechtlichem Zugriff
- Ausgangslage: Absicherung eines Abkömmlings mit Behinderung bei gleichzeitigem Bezug von Sozialleistungen (SGB XII, SGB IX)
- Klassisches Modell: Nicht befreite Vor- und Nacherbfolge kombiniert mit Dauertestamentsvollstreckung – Gestaltung und Grenzen
- Vorausvermächtnis (§ 2150 BGB): Zuwendung von Gebrauchsvorteilen ohne Gefährdung des Leistungsbezugs
- Verschaffungsvermächtnis: Absicherung von Sachleistungen und Wohnraum
- Testamentsvollstreckung: Verwaltungsanordnungen, Verwendungsbestimmungen, Auswahl des Testamentsvollstreckers
- Stiftungslösung (Behindertentestament 2.0): Errichtung einer (gemeinnützigen) Stiftung als Nacherbe oder Vermächtnisnehmer – innovative Gestaltungsalternative zur klassischen Lösung
- Aktuelle sozialrechtliche Rechtsprechung und Verwaltungspraxis: Sittenwidrigkeit, Erbunwürdigkeit, Nachranggrundsatz (§ 2 SGB XII)
IV. Bedürftigentestament – Schutz vor Gläubigerzugriff bei Sozialleistungsbezug
- Ausgangslage: Abkömmling bezieht Leistungen nach SGB II oder SGB XII ohne dauerhafte Behinderung – Überleitung des Erbanteils durch den Leistungsträger (§ 93 SGB XII, § 33 SGB II)
- Erbeinsetzung unter auflösender Bedingung: Entfall der Erbenstellung bei Leistungsbezug im Erbfall – Formulierung und Wirksamkeitsanforderungen
- Vor- und Nacherbfolge: Gestaltung mit dem Ziel, den Nachlasszugriff des Leistungsträgers zu verhindern
- Enterbung mit flankierendem Vermächtnis: Gestaltung unter Berücksichtigung des Pflichtteilsanspruchs
- Abgrenzung zum Behindertentestament: Zeitliche Komponente und Ausstiegsszenarien
V. Überschuldetentestament – Schutz vor Insolvenzmasse und Gläubigern
- Ausgangslage: Überschuldeter Abkömmling – Erbschaft fällt in die Insolvenzmasse (§ 83 InsO) bzw. unterliegt der Pfändung (§ 852 ZPO)
- Erbeinsetzung unter auflösender Bedingung: Wegfall bei Eröffnung eines Insolvenzverfahrens oder Pfändung – Gestaltung und Wirksamkeit
- Testamentsvollstreckung: Dauervollstreckung als Vollstreckungsschutz (§ 2214 BGB) – Reichweite und Grenzen nach aktueller BGH-Rechtsprechung
- Pflichtteilsbeschränkung in guter Absicht (§ 2338 BGB): Voraussetzungen (Verschwendung, Überschuldung), Anordnung der Nacherbfolge und Testamentsvollstreckung – Formulierung
- Kombination der Gestaltungsmittel: Vollständiges Gestaltungskonzept für den überschuldeten Abkömmling
Das Seminar ist als Aufbauveranstaltung konzipiert und setzt Grundkenntnisse der Testamentsgestaltung voraus. Für jede der fünf Sonderkonstellationen wird ein vollständiges Gestaltungskonzept entwickelt – ausgehend von der Interessenlage und den Regelungszielen über die erbrechtliche Konstruktion bis hin zur konkreten Formulierung. Aktuelle Entscheidungen und Entwicklungen in der Literatur werden durchgehend einbezogen.
Zielgruppe:
Das Seminar richtet sich an Notarinnen und Notare, Notarassessorinnen und Notarassessoren, (Anwalts-)Notarinnen und (Anwalts-)Notare sowie angehende Anwaltsnotarinnen und Anwaltsnotare.
Die Fortbildung entspricht den Vorgaben des § 5b Abs. 1 Nr. 4 BNotO; die Anerkennung obliegt der jeweils zuständigen Notarkammer und ist im Zweifelsfall vorab mit dieser abzustimmen.
Datum: 10.11.2027
Zeiten: 10:00–12:30 Uhr
Preis: 129,- € zzgl. MwSt. inklusive Webinarskript und Zugriff auf die vollständige Videoaufzeichnung des Webinars (verfügbar für 3 Monate nach dem Webinar)
Ihr Referent
Ulf Schönenberg-Wessel (*1982) ist Rechtsanwalt und Notar sowie Fachanwalt für Erbrecht und Sozialrecht in Kiel. Als Senior-Partner der Kanzlei SIEWERT, SCHÖNENBERG-WESSEL und Partner liegt der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Vermögensnachfolgegestaltung sowie im Erb- und Pflichtteilsrecht. Die Verbindung von Erb- und Sozialrecht – insbesondere die Gestaltung zugunsten von Menschen mit Behinderung und die Absicherung gegen sozialrechtlichen Zugriff – bildet einen besonderen Schwerpunkt seiner Beratungs- und Publikationstätigkeit.
Er ist Mitherausgeber der „ZErb – Zeitschrift für die Steuer- und Erbrechtspraxis", Mitglied des Herausgeberbeirats der Zeitschrift „notar" und Geschäftsführer der Norddeutschen Gesellschaft für Testamentsvollstreckung mbH.
Ausgewählte Veröffentlichungen:
- Schönenberg-Wessel, Behindertentestament 2.0 – Die stiftungsrechtliche Lösung, 1. Aufl. 2025 (notarverlag)
- Schönenberg-Wessel/Szalai/Uhl/Hahner, Der Überlassungsvertrag, 2. Aufl. 2025 (Deutscher Notar Verlag)
- Schönenberg-Wessel, Das notarielle Nachlassverzeichnis, 2. Aufl. 2027 (C.H. Beck)
- J. von Staudingers Kommentar zum BGB: §§ 2371–2385 BGB (Erbschaftskauf)
- Rißmann (Hrsg.), Die Erbengemeinschaft, u.a. Sozialrecht, 4. Aufl. 2024 (Zerb-Verlag)
- Kurze, Vorsorgerecht, 2. Aufl. 2023: u.a. BeurkG, GmbHG (C.H. Beck)
- Uricher (Hrsg.), Erbrecht, 5. Aufl. 2022: u.a. Nachlassinsolvenz (Nomos)
Hinweis zur Seminarreihe
Dieses Aufbauseminar ergänzt das Grundlagenseminar „Update zur Testamentsgestaltung – Grundlagen" (21.04.2027). Die Teilnahme am Grundlagenseminar wird empfohlen, ist aber nicht zwingende Voraussetzung, sofern vergleichbare Vorkenntnisse in der Testamentsgestaltung vorhanden sind.